Interview

Hamburg

Im Interview mit Tilman Kriesel

Die Entwicklung des Katharinenhofs ist geprägt vom Zusammenspiel aus gestalterischem Anspruch und technischer Machbarkeit. Während Tilman Kriesel als Vertreter des Bauherrn die Vision und inhaltliche Ausrichtung des Projekts prägt, begleiten wir die komplexe Umsetzung und sorgen dafür, dass aus Ideen ein realisierbares und zukunftsfähiges Konzept entsteht.

Tilman Kriesel, Geschäftsführer der TKA GmbH, Hamburg

P. Müller (WBRE): Der Katharinenhof wird von einem denkmalgeschützten Herrenhaus in ein Kunsthaus transformiert. Was hat Sie an diesem Projekt besonders gereizt?  

T. Kriesel: Mein Zugang zu diesem Projekt kam vor allem über den persönlichen Kontakt zum Bauherrn selbst. Mich beeindrucken zutiefst seine persönliche Haltung und seine Motivation, etwas derart Visionäres zu erschaffen, um es dann mit der Öffentlichkeit zu teilen. Hier trifft ein architektonisches Baudenkmal auf Innovationskraft, ausgedrückt durch zeitgenössische Kunst und Kultur, in vielerlei Hinsicht. Die Weltoffenheit, die den Ort Blankenese einst geprägt hat, wird damit wieder aktiviert. Ich bin dankbar, zu dieser Entwicklung etwas beitragen zu dürfen. Ein Projekt ist immer nur so gut wie sein Bauherr.

Sie sind sowohl unabhängiger Kunstberater als auch Bauherrenberater – wie kam es dazu? 

Mein Großvater hat den Grundstein für das Sprengel Museum Hannover gelegt. Davon beeinflusst engagiere ich mich bis heute in den unterschiedlichsten Funktionen und Institutionen der globalen Kunstwelt. Beruflich habe ich viele Jahre eine klassische Karriere als Diplom-Ingenieur für Architektur verfolgt, bis es mich schließlich zu Single-Family-Offices auf die Bauherrenseite gezogen hat, wo ich mich architektonisch am wirkungsvollsten einbringen durfte. Ich machte mich schließlich als Bauherrenvertreter selbstständig, erkannte aber schnell, dass der Prozess, die Vision eines Bauherrn zu entwickeln, im Grunde identisch ist mit dem Ablauf und Anspruch, einen Sammler im Aufbau seiner Sammlung zu unterstützen. Meine Kunden sind oft Bauherren, die Kunst sammeln, oder Kunstsammler, die bauen. Beide berate ich gleichermaßen leidenschaftlich und unabhängig. 

Können Sie diese Parallelen näher beschreiben? Was motiviert Sie und wie können Kunst und Architektur voneinander profitieren? 

Kunst kaufen und ein Haus bauen, das kann erst mal jeder so machen, wie es ihm persönlich gefällt. Aber um etwas wirklich Relevantes zu erschaffen, bedarf es einer individuellen Haltung, die gemäß einer abzustimmenden Strategie in einer Vision aufgeht. Eine solche Vision entwickelt man bestenfalls für den spezifischen Ort und präzise für den zu definierenden Zweck, und realisiert sie nicht für sich selbst allein. Gute Architektur macht sich langfristig genauso bezahlt wie wirklich qualitätvolle Kunst. Beide begeistern weit über den eigenen Geschmack und die eigenen Grenzen hinaus – so werden Werte geschaffen, während andere noch über den Preis reden. Neben dem bereitgestellten Budget bleibt letztlich der Zugang entscheidend – sowohl zu qualitätvoller Kunst als auch zu einem Netzwerk passender Projektbeteiligter. 

Können Sie das anhand von Beispielen verdeutlichen? 

Die Theaterbranche ist komplex, und das Bauprojekt ist es auch. Ich habe gelernt, mich flexibel auf neue Aufgaben einzustellen und gemeinsam mit den Beteiligten Lösungen zu finden. Es ist eine Herausforderung – aber auch eine große Chance.

Wie erleben Sie in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit – eher als kreative Partnerschaft oder als organisatorische Herausforderung?

Am Anfang war ich überrascht, wie tief man in technische Details eintauchen muss. Aber ich habe viel gelernt – und bin dankbar, dass wir mit allen Projektpartnern sehr partnerschaftlich zusammenarbeiten.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit oder Barrierefreiheit im neuen Haus?

Architektur gilt nicht umsonst auch als ein künstlerisches Studium. Als Architekt baue ich Häuser wie Sammlungen, mit denen andere leben: Ich strukturiere sie, baue sie auf oder verwalte sie. Ich habe meine Erfahrungen als Jurymitglied in Wettbewerben für Museen eingebracht, stadtbildprägende Immobilien denkmalgerecht einer neuen Nutzung zugeführt oder zuletzt die Sanierung eines Landmark-Gebäudes am Oxford Circus in London abgeschlossen, das mit einem Penthouse für einen Kunstsammler gekrönt wurde. Zuweilen gelingt es mir, mit der Wirkung passender Kunstwerke bauliche Defizite in Qualität zu drehen – in England spricht man treffend von „placemaking“. 

Die theaterspezifische Ausstattung wird von Ihnen als Mieter selbst geplant und eingebaut. Welche technischen Neuerungen oder gestalterischen Highlights sind geplant?

Zwei Dinge liegen mir besonders am Herzen: die Eingangstreppe, die das Publikum schon beim Betreten in eine andere Welt führt – und der alte Kronleuchter aus der ursprünglichen Komödie, den wir restaurieren und wieder anbringen werden. Ein Stück Geschichte im neuen Haus.

Sie beraten unter anderem Sammler, Projektentwickler und Unternehmen. Welche Aspekte werden aus Ihrer Sicht bei der Entwicklung von Kunst- und Kulturstandorten häufig unterschätzt? 

Kulturstandorte sind auch funktionale Betreiberimmobilien: Alles, was an wirtschaftlichen, technischen und gesetzlichen Anforderungen zu berücksichtigen ist, muss auch hier „kuratiert“ werden. Besondere Herausforderungen, die frühzeitig zu berücksichtigen sind, ergeben sich aus dem internationalen Leihverkehr und dem neuen klimatischen Bewusstsein – und müssen zugleich vor dem Hintergrund einer sich wandelnden gesellschaftlichen Akzeptanz stetig überprüft werden. Oft besteht die „Kunst“  allein schon darin, ein komplexes Bauvorhaben zielführend zu finalisieren.

Welche Chancen sehen Sie für den Katharinenhof, wenn Architektur und Denkmalschutz mit Kunst und Kultur wie beabsichtigt zusammenwirken? 

Es wird das „Kunsthaus Baurs Park“ entstehen, eine private Institution, die einerseits von der Geschichte eines Herrenhauses und seinen bis heute prägenden Schichten erzählt und andererseits einen privaten Ort erschafft, der sich auf die Zukunft ausrichtet und sich für die Gesellschaft öffnet. Wir würdigen das Erhaltene, akzeptieren die Spuren und kontrastieren sie mit der Kunst. Dafür müssen wir dem neuen Eigentümer für seine weltoffene Vision und sein Mäzenatentum danken, mit dem Denkmalschutzamt zukunftsfähige Lösungen entwickeln und nicht zuletzt all jene unterstützen, die ihre Vorstellungen an diesem besonderen Ort künftig realisieren werden.